Der glückliche Umstand einer Dienstreise nach Cluj/Rumänien die von Donnerstag bis zum Samstag dauerte und die ich bis Sonntag verlängern konnte, ermöglichte mir einen etwas genaueren Blick auf das Land unserer Near-Shore-Tochter zu werfen. Seit ca. 2 Jahren arbeite ich mit Kollegen aus Cluj im Projekt zusammen, letztes Jahr war ich einmal für 2 Tage in Cluj. Jetzt wollte ich das Wochenende nutzen um auch einen Blick über die Stadtgrenze hinweg zu wagen.
Meine ersten Vorurteile zu Rumänien waren schon früh in der Zusammenarbeit mit den Kollegen gebrochen. Alle sprechen ordentlich bis sehr gut Deutsch und die Zusammenarbeit ist höflich-zurückhaltend – die Qualität aber meist gut.
Was wird mich erwarten, wenn ich nun die „Großstadt“ verlasse und auf das Land fahre? Man kennt die Bilder aus der Fernsehen und Internet. Alte Frauen mit Kopftuch, Pferdekutschen, marode Häuser, 2. Welt.
Ja, ich habe das alles gesehen. Aber noch viel mehr. Viel mehr schönes, alte Kultur, alte Burgen, Schlösser, Kirchen und Klöster. Alte Städte die über die letzten 75 Jahre nicht ihren Charakter durch Bomben, Wiederaufbau und (Plan-)Wirtschaft verloren haben.
Ich hatte mir in Cluj schon schwer getan die alten Frauen die Blumen auf der Straße verkaufen zu fotografieren. Mir geht es da ähnlich wie Stefan Senf vom Motivprogram in New York: Mein persönlicher Anstand verbietet es mir solche Bilder zu „stehlen“. Und es hätte sehr sehr viele solcher Motive auf meiner Strecke gegeben. Ich bin lieber bei meinen klassischen Motiven geblieben: Land, Kultur, Architektur.
Viele viele Bilder habe ich eben nur mit dem Herzen gemacht, eben weil ich genau „dieses“ Bild von Rumänien nicht liefern wollte.
Rumänien ist ein unglaubliches Land mit einer ganz anderen Landschaft. Sanfte Hügel die nun im September eher verdorrt wirken, Maisfelder die stehen bleiben dürfen bis der Mais wirklich trocken ist. Grasflächen auf denen wirklich Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde stehen dürfen und sich direkt satt fressen dürfen. Menschen die sehr sorgfältig mit dem wenigen was sie haben umgehen. In großen Teilen hat mich die Landschaft, die Städte aber auch die Menschen ein wenig an das südliche Peru erinnert. Ein großer Unterschied muss aber erwähnt werden: Relativ wenig Müll am Wegesrand. Im Vergleich mit Peru quasi gar keiner. Und natürlich die Burgen, Schlösser, Kirchen und Klöster!
Ich war in katholischen und evangelischen Kirchen – aber auch in orthodoxen Kirchen. Wow! Da steht in Hermannstdt eine evangelische Kirche mit tief-deutschen Wurzeln. Es sprechen nicht alle Rumänen im Siebenbürgenland deutsch – aber immer noch einige. Englisch ist gar kein Problem.
Meine kleine Route führte mich am Samstag von Cluj nach Turda, Alba Iulia und weiter nach Hermannstadt. Am Sonntag weiter über Transfăgărășan nach Schäßburg und zurück nach Cluj.
Das Ganze eher im Galopp – vieles habe ich nicht gesehen oder besucht. In Turda habe ich einiges verpasst (u.a. das Salzbergwerk) und am Transfăgărășan wäre eine gute Gelegenheit gewesen für 3-4 Tage zu wandern. Hermannstadt und Schäßburg hätten auch mehr als nur ein paar Stunden verdient.
Zu viel Land, zu viel Kultur und zu viel Mensch für ein paar Stunden mit dem Mietwagen.
Rumänien ist ein lohnendes Urlaubsziel – man kann so viel sehen und erleben!